Friedhof der HeimatlosenIn den vergangenen Jahrhunderten wurden häufig tote Seeleute an Helas Strand angespült. Manches Mal, wenn das Schiff auf Grund gelaufen war, ertranken sie sogar direkt in Küstennähe, da viele nicht schwimmen konnten. Besonders nachts bei schwerem Wetter, wenn die Schüsse der Knallstation die nahenden Schiffe vor der Untiefe warnen sollte, mussten oft die Hel'schen Männer hinaus an den Nordstrand und helfen, die Havarierten zu bergen und zu retten.

Wenn ein einzelner Toter anhand von mitgeführten Dokumenten oder Schiffsbezeichnungen identifiziert werden konnte, wurde der Sarg mit dem meist jungen Seemann an den Heimatort geschifft oder abgeholt. Aber oft waren Name und Herkunft nicht zu ermitteln. Diese Seeleute waren damit "Heimatlose".

In so manchen Seebädern an Ost- und Nordsee wurden daher gegen Mitte des 19. Jahrhunderts "Friedhöfe für Heimatlose" eingerichtet [Link zu Wikipedia]. In Hela lag er auf dem Weg von Hela zu "Alt-Hela" im Kiefernwäldchen, an der breitesten Stelle der Halbinsel. Umgeben von einem kleinen Zaun stand ein schlichtes Holzkreuz auf dem Stückchen Garten. Auf dem Kreuz war eine von einem Badegast gespendete, mit einem Gedicht versehene Emailleplakette angebracht (s.u.). Frieda Rath (Jahrgang 1906) schreibt in ihren Lebenserinnerungen [Link], dass die älteren Schüler zwei Mal im Jahr mit dem Lehrern dort hin gegangen sind, um die Gräber zu pflegen. Aber oft war der Friedhof noch Ziel, wenn man längst aus der Schule entlassen worden war.

Dora Seeger, die Frau des langjährigen Pastors, beschreibt in ihren Erinnerungen "Hela - Ein unvergessenes Land" [Link] eine Beerdigung auf dem Friedhof der Heimatlosen:

"Es war im Jahre 1910. Der Tag neigte sich schon zum Abend und aus der blühenden Heide wehte der berauschenden Duft, den der Sonnentag herausgelockt. Die ernsten, breiten Kiefern standen im Abendgold. Fern vom Dorf her kam der Klang der Abendglocken, vom Wind getragen. Wir standen lauschend auf dem kleinen Friedhof im Wald, vergoldet leuchtete das Meer durch die Stämme, wie eine Verheißung. Drei schlichte Grabhügel vor uns, darauf nur Nummern: 1 – 2 – 3, daneben ein offenes Grab, in das wir den vierten Namenlosen betten wollten. Wie lange mochte es her sein, dass das heute so stille Wasser in schweren schwarzen Wogen nachts über dem Boot des Heimfahrenden zusammenschlug und ihn und seine Gefährten begrub? Der letzte Sturm hatte den verstümmelten Leichnam an den Strand gebracht. Da fand sie ihn, kein Name, kein Erkennungszeichen, nur ein paar neue Stiefel, die mit begraben werden mussten. Niemand hatte sich gemeldet als der traurige Fund bekanntgegeben wurde. Einige Kinder, die wie lichte Blume in der roten Heide saßen, bemühten sich um den schmucklosen Sarg, der in der geöffneten Tür der kleinen Leichenhalle schon halb draußen stand. Sie hatten versucht, grünes Moos rund um den Rand des schwarzen Sargdeckels wie eine Girlande zu legen. Ungeschickt hatten sie es gemacht und waren auch erst halb fertig, als die braun gebrannten, ernsten Männer herzutraten, ihr Haupt entblößten und dann den Sarg aufhoben, um ihn in das geöffnete Grabe zu tragen. Nun fiel noch ein Stückchen Moos nach dem anderen ab und doch war das wenige Grün, das haften blieb, wie ein Trost. Ein Vogel sang verloren sein Lied, der letzte Glockenschlag verhallte, da klang es auf, gesungen mit rauen Kehlen und hellen Stimmen das alte Sturmlied. [...]

Ein Zagen lief durch unsere Seelen. Wird auch einer dieser starken Männer, der ihren Gefährten jetzt betten, einmal ein solches Begräbnis in fremder Erde haben? Und dann nach einem Augenblick der Stille – auch Wald und Meer schienen den Atem anzuhalten – kam ein Gotteswort zu uns und fand Widerhall in unseren Herzen: „Freuet euch, dass eure Namen im Himmel angeschrieben sind“. Das Amen verklang. Die kleine Trauergemeinde ging heim."

Um 1920 befanden sich hier ca. 10 Gräber, als das Gelände für die neue polnische Erweiterung des Ortes bebaut wurde. Was mit den Gräbern geschah, ist unbekannt.

 

Text auf der Gedenkplakette:

Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit
gespült ans Erdeneiland,
voll Unfall und voll Herzeleid
bis heim uns holt der Heiland.

Das Vaterhaus ist immer nah,
wie wechselnd auch die Lose,
es ist das Kreuz auf Golgatha,
Heimat für Heimatlose. 

 

Der Dichter Eduard Pietzcker hat den Friedhof der Heimatlosen in seinem stimmungsvoll illustrierten Gedichtband "Hela - Ein Liederkranz" verewigt:

 

 

 

Eent, twee, dree, djuadjua, Fesch, Kodder... Die Nachkommen der "Original-Heelschen" sind mit typischen Heel'schen Ausdrücken und Redewendungen aufgewachsen. Bis jetzt gab es keine schriftliche Aufzeichnung der Sprache. Das haben wir geändert und ein 39-seitiges "Heel'sches Wordenbook" erstellt, dass Zahlen, Wochentage, Reime und viele Wörter von A bis Z beinhaltet.

Heel'sches Wörterbuch - Buchstabe DViel Vergnügen beim Blättern!

Download: Heel'sches Wordenbook (pdf, 0,3 MB)

 

Dorothea Seeger (1878-1945) lebte um die 19. Jahrhundertwende 16 Jahre lang als Frau von Pastor Hans Seeger auf Hela. Später schreibt sie in Briefen ihre Erinnerungen an diese prägende Zeit nieder. Bereits der Empfang durch die Einheimischen war überaus herzlich. Aufgrund einer kurzen krankenpflegerischen Ausbildung übernahm die "Frau Pfarrer" die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung, welche zu ihrer Hauptaufgabe wurde. Nebenbei veranstaltete sie Kirchenkonzerte und komponierte Chorstücke für den Chor der Fischersleute.

1913 erfolgte der tränenreiche Abschied von der Halbinsel, da ihr Mann einem Ruf an eine andere Pfarrstelle auf dem Festland folgen musste. Der Kontakt mit den Helschen riss aber nie ab. 1938, zu der Zeit, als die Helschen bereits ausgewiesen waren, verfasste Dora Seeger diese Briefe, um Trost zu spenden und die Erinnerungen wach zu halten an die, wie sie selbst schrieb, geliebte Heimat. "Und so wuchsen [...] unsere Herzen zusammen, unzertrennlich bis auf den heutigen Tag. Gab es auch zuerst viel Schweres zu überwinden, so war das Ende herrlich."

Diese Lebenserinnerungen sind ein Schatz für jeden interessierten Leser.

Download als PDF (16 MB) : Hela - Unvergessenes Land

Das Ehepaar Johannes und Dorothea Seeger lebte von 1897 bis 1913 auf Hela, er als Pastor des kleinen Ortes, sie als Gemeindeschwester. In dieser Zeit entstanden diese Aufnahmen, die über 100 Jahre später dem Fotoalbum der Familie Seeger entnommen sind. Diese Bilder zeugen von der Bewegung der damaligen Zeit. Das Kirchengebäude wirkt auf jedem Foto immer ein wenig verändert, auf dem ursprünglich sandigen Boden wird in den Hinterhöfen Gemüse angepflanzt, die kleinen Ruderboote der Fischer sind mittlerweile zu größeren Fischersegelbooten geworden und weichen bald den motorisierten Kuttern. Eine Zeitreise in Bildern, die wie gemalte Stillleben daherkommen und dennoch lebendig und wirklichkeitsnah wirken.

Anfang der 1980er Jahre hat der Volkskundler Dr. Ulrich Tolksdorf von der Kieler Christian-Albrechts-Universität viele ehemalige Heelsche besucht und Tonbandaufnahmen der Heelschen Mundart angefertigt. Die Heelschen haben die von ihm vorgesprochenen hochdeutschen Sätze in Heelschem Platt wiederholt. Diese Aufnahmen sind unter Regionalsprache.de anhörbar.

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Diese Lieder sind von den Helschen selber gedichtet und teilweise zu feierlichen Anlässen gesungen worden.

Viele frühere Bewohner der Halbinsel Hela haben ihren Gefühlen in Gedichtform Ausdruck verliehen. Wir zeigen hier eine Auswahl.